Marmor
Kleine Geschichte vom Marmor
von Peter Rosenzweig
In Sichtweite zum Campo liegt das Massiv des Monte Altissimo, das zum Teil aus sehr weissen Marmor besteht. Dieses Material, in der ganzen Welt als Carrara- Marmor bekannt, hat das Leben der Menschen der Region stark beeinflusst und hat seine Faszination.
Meistens findet man nur den Ordinario- Marmor, der vor allem für Bauzwecke etc. genommen wird und in allen erdenklichen Blockgrößen abgebaut wird.
Aber die Bildhauer haben sich schon immer für die beste Qualität interessiert: den Statuario. Dieser besonders weiße Marmor, mit leichter Goldtönung (dorato), sehr lichtdurchlässig und fast frei von Maserung, ist noch heute sehr begehrt.
Azzano liegt am nordwestlichen Rand der heutigen Toskana, dem ehemaligen Reich der Medici-Fürsten und Päpste, Mäzene und Patrone von Altmeister Michelangelo Buonarroti.
Um unabhängig von teuren Marmorimporten aus dem damaligen Nachbarland Carrara/Ligurien - dort baute man den Marmor schon vor Jesus Christus Zeiten ab- zu werden, wurde Michelangelo zu Anfang des 16. Jahrhunderts zur Erschließung der bis dahin ungenutzten toskanischen Marmorvorkommen nach Azzano di Seravezza geschickt. Drei Jahre verbrachte er hier und baute Straßen, Brücken und Transportwege.
Der Abbau in unserem Tal geht somit aufs Konto des Michelangelo. Spuren seiner Arbeit können wir auch heute noch besichtigen. Leider hat er die Ausbeute der Steinbruchtätigkeit zu Lebzeiten nicht mehr erlebt.
Der industrielle Abbau des Marmors in unserem Tal ist Ergebnis der jüngeren Geschichte.
Bis zu Michelangelos Zeit besorgten sich die Bewohner unseres Tals den Marmor in Form von kleinen und größeren Brocken direkt aus dem Serra- Fluss, der am Monte Altissimo (1560 m) entspringt.
Der Fluss ändert seinen Namen sobald er in die Ebene hinaustritt: dort heißt er "Versilia" - Fluss, fiume Versilia. Nach ihm wird heute die ganze Gegend zwischen den Städten Massa und Pietrasanta benannt: la Versilia.
Die angrenzenden Bergregionen mit den Marmorvorkommen heißen Alta-Versilia. (Alto/a= hoch, Altissimo= der Höchste)
Im 18. Jahrhundert erlebte unser Berg ein ungewöhnliches Naturereignis. Auf ca. 1100 m Höhe öffnete er sich, mit Donnergetöse, und gab eine sehr weiße Stelle preis: die "Tacca Bianca". Damals wurde keine Mühe gescheut, um auf diese Höhe Transportwege zu bauen, um dem Berg den bis heute begehrten Statuario-Marmor zu entreißen.
Bei unseren Besichtigungen der alten Abbaustätten und abenteuerlichen Wege wird einem die großartige und mühevolle Arbeit und Leistung der Cavatori (Steinbrucharbeiter) bewußt.
Am Altissimo- Massiv endete der Abbau in den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Zu groß war die Konkurrenz aus anderen, günstiger gelegenen Brüchen und von der aufkommenden Mode, härtere Gesteinssorten, wie z.B. Granit, zu verwenden.
Heute findet man den Statuario noch als Überbleibsel in nicht mehr befahrbaren ehemaligen Steinbrüchen oder - mit etwas Glück - im Flussbett der Serra, wo unsere Kurse ihren Beginn haben.
Als Saudi-Arabien einen internationalen Flughafen mit Statuario bepflastern wollte, wurde ein Versuch unternommen, die Tacca-Bianca Brüche des Altissimos wieder zu öffnen. Der ausgebrochene erste Golfkrieg vereitelte aber das Unternehmen.
So schlummern uneheure Mengen wertvollsten Materials weiterhin in faszinierenden Marmorhöhlen.
Statuario kann heutzutage auch aus dem benachbarten Carrara bezogen werden. Der Preis für 1 Tonne Ordinario Marmor beträgt heute 100,- bis 200,-€. Eine Tonne Statuario kann 2000,- und mehr Euros kosten.
Marmor hat für Bildhauer seine Faszination aus mehreren Gründen: Er ist fein-kristallin und somit transparent, und in beliebigen Blockgrößen erhältlich. Weitere Pluspunkte sind seine Formbarkeit, Verlässlichkeit und die Farbe, weiß.
Da es sich um ein körperkompatibles Ausgangsmaterial handelt, nämlich Kalk, sind seine Stäube und inhalierte Kristalle für den Menschen nicht schädlich.
Die Kaiser des alten Roms ließen die Luft in den Räumen, in denen sie wandelten, von ihren Sklaven mit Marmorstaub bestäuben. Damals wußte man bereits von der wohltuenden Wirkung, die der Marmor auf die Bewohner der Abbau- Gegend hatte: langes Leben und robuste Gesundheit, 2 der wichtigsten Gründe.
Der Geologe spricht beim Marmor von einem metamorphen Kalk. Ehemals als mächtige Sedimentschicht auf den Gründen der Urmeere entstanden (Kalk, der u.a. aus abgestorbenen Schalen- und Muscheltieren herrührte) wurde er im Laufe der Jahrmillionen in tiefere Erdschichten heruntergedrückt.
Dort wurde er auf ca. 400°C erhitzt und bewegte sich anschließend durch Verschiebungen der Kontinentalplatten wieder an die Erdoberfläche.
Mit Drücken von mehreren Millionen bar kristallisierte der ehem. Kalk bei seiner Abkühlung zu Marmor aus.
Also: Kalk > Metamorphose= Hitze/ Abkühlung/ Druck > Marmor. Das macht das Edle am Marmor aus.
In der Gegend von Carrara befindet sich das weltweit größte bekannte Gebiet mit dem reinsten Marmor, bestehend aus 99.999%igem Calcit.
Erkennen kann man den Carrara- oder Altissimo-Marmor durch seine besonders feinen, mit dem menschlichen Auge kaum voneinander unterscheidbaren, klitzekleinen Kristalle.
Marmorvorkommen gibt es auch in vielen anderen Ländern. Der griechische oder türkische Marmor z. B. hat ein wesentlich gröberes Kristallgefüge - ist in seiner Weißtönung dem italienischen Marmor aber ähnlich.
Noch ein Tipp:
Die DVD "Marmor-Stein des Lichts" von Katrin Pfister und Eberhard Rühle kann bei uns bezogen werden.
Es handelt sich um einen schönen 45-minütigen Fernseh- Dokumentarfilm, der auf "Arte" und im "ZDF" ausgestrahlt wurde.
Interessiert?
Wir schicken Ihnen gerne ein Exemplar zu.